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15.09.2018

Über die Freiheit und die Verantwortung

Newsletter September 2018


Liebe Kunstinteressierte, liebe Freund*innen der Kunstakademie Bad Reichenhall! 

Oftmals verbinden wir den Sommer mit dem Gefühl der Unbeschwertheit und Leichtigkeit. Dieses Jahr – rein meteorologisch gesehen – war der Sommer traumhaft, doch gleichzeitig kann man die Hitze und die dauerhaft schönen Tage auch als Vorboten beklemmender Entwicklungen sehen, die weit jenseits klimatischer Veränderungen im herkömmlichen wie vielmehr auch im übertragenen Sinne zu liegen scheinen. Und beinahe so, als ob wir es hätten ahnen können häufen sich die Anzeichen massiver Bedrohung demokratischer Werte und Tugenden und nicht zuletzt die Bedrohung der künstlerischen Freiheit.

Bei der Biennale von Wiesbaden wurde vom Stadtrat beschlossen, eine Skulptur, die den türkischen Präsidenten Erdogan zeigt, mit dem Hinweis zu entfernen, dass der Aufwand zum Schutz dieser Skulptur zu groß und schwierig sei. Aber ist es nicht gerade die Aufgabe des demokratischen Staates – zumindest einer liberalen Demokratie – einen Schutzraum auch abweichender Minderheitenmeinungen zu garantieren? Kunst sollte nicht zum Selbstzweck provozieren, aber selbst wenn dies der Fall ist, ist ein wesentlicher Grundsatz unseres Rechtsstaates, dass er das Recht zur freien Meinungsäußerung sehr hoch bewertet und deshalb auch den Raum für abweichende Meinungen und Positionen bietet. Es handelt sich also nicht um eine Frage der realen Kosten sondern um die Frage, ob die politischen Gremien bereit sind, die in unserer Verfassung verbrieften Rechte auch gegen die scheinbare öffentliche Mehrheitsmeinung zu verteidigen.

Gleichwohl ist es noch viel bedenklicher, dass unsere Gesellschaft scheinbar nicht mehr bereit ist, die persönliche Haltung des Einzelnen als Chance andersartiger Sichtweisen auf Phänomene auszuhalten und sich selbst damit zu hinterfragen oder zumindest dem Anderen das Recht auf eine abweichende Meinung zuzugestehen. Nur wenn es uns gelingt diese Abweichung als Wesensmerkmal einer individualisierten Gesellschaft zu begreifen – die jeder Einzelne oftmals in ganz spezifischen Zusammenhängen für sich selbst in Anspruch nimmt – und nicht die moralische Abwertung der anderen Meinung oder die persönliche Diffamierung mit der Begründung persönlicher Betroffenheit einhergeht, kann ein liberaler, demokratischer Rechtsstaat wie wir ihn seit der Aufklärung und der französischen Revolution in Europa kennen und wie er immer wieder gegen vielfältige Widerstände erkämpft bzw. gestützt worden ist, aufrecht erhalten bleiben. Ich erinnere an dieser Stelle gerne auch an die Eröffnungsrede des Brucknerfestes in Linz von Daniel Kehlmann vom 9. September, in der er darauf aufmerksam machte, dass die freiheitliche demokratische Rechtsordnung uns von den Zufälligkeiten des Unrechts des nationalsozialistischen Regimes und der damit verbundenen Willkürherrschaft befreit hat, aber wir immer und jederzeit dazu aufgerufen sind, diese zu verteidigen, um nicht selbst Opfer von Willkür zu werden.

Gerade Kunst und Bildung sind wesentliche Voraussetzungen dafür. Und deshalb ist es auch von so großer Bedeutung, dass auch die Museen und Bildungseinrichtungen immer wieder Ihre blinden Flecken zum Thema machen. Wir sind gerade dabei, die koloniale Vergangenheit wie auch die Blindheit über Geschlechterungerechtigkeiten in der Kunst aufzuarbeiten. Dies sollte uns nicht Last, sondern Freude sein und Lehrbeispiel dafür, dass Ungerechtigkeit und soziale Distinktion durch die Bereitschaft den aufklärerischen Geist der Vernunft nicht aufgehoben, aber immer wieder aufgedeckt und damit für die Zukunft hoffentlich verhindert werden können.

Der Kulturhistoriker Philipp Blom hat anlässlich der Eröffnungsrede zu den diesjährigen Salzburger Festspielen darauf hingewiesen, dass es seit den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen so massiven Angriff auf die demokratischen und aufklärerischen Werte nicht mehr gegeben habe. Das wir aber vor allem angesichts unserer eigenen moralischen Erhöhung als wahre Verteidiger dieser Werte eine neue Form der Diktatur und des Unrechts in politischer, wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Hinsicht geschaffen haben.

Und deshalb ist es von herausragender Bedeutung, dass die Freiheit der Kunst uns erhalten bleibt, in all ihrer Schwierigkeit und Abweichung und sie lediglich Anlass sein sollte auch kritisch mit ihr umzugehen ohne sie zu verhindern. Sie ist auch Ausdruck von Unsicherheit und Angst und gleichzeitig die Möglichkeit zu lernen, mit uns, unseren Ängsten und Unsicherheiten umzugehen. Zu akzeptieren, dass die offenen Fragen immer mehr sind als die zur Verfügung stehenden Antworten.

Vordergründig mögen unsere Kunstkurse vor allem dazu dienen, Bilder, Zeichnungen oder Skulpturen zu fertigen, doch hintergründig erleben wir immer wieder, wie tiefgreifend die Wirkung auf die Menschen beim Kunst machen ist. Ich lade Sie - wie immer – ein, unsere Kurse zu besuchen, um Unsicherheit und Wagnis mit Mut und Überwindung  zu neuer persönlicher Freiheit und Glück zu wenden.

Kunst ist Abenteuer aber glücklicherweise bieten wir Ihnen auch einen geschützten Raum der Erfahrung und des realen Tuns.

Und wie immer möchte ich Sie auch auf besondere Kurs hinweisen: Ruprecht von Kaufmann bietet im Dezember bei uns mit seinem Meisterkurs "Komposition" einen "Weg zu eigenständiger Bildfindung - Was der Rücken für den Körper des Menschen ist, ist die Komposition für die Malerei: der Ursprung für Ausdruck, Kraft und Haltung" an.  03.-08.12.2018 - 6 Tage. Ruprecht von Kaufmann gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der jungen figurativen Malerei in Deutschland, in den Jahren 2012- 2014 bekleidete er eine Professur für Anatomie und Zeichnung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Seien Sie mit von der Partie! 

Außerdem finden Anfang Oktober bei uns zwei weitere spannende Kurse statt: Kim Reuter beleuchtet in ihrem Kurs "Malerei" die Wichtigkeit von Farbwerten. Es kann zwar mit allen Maltechniken gearbeitet werden, bei Interesse führt Kim Reuter auch gerne in die Technik der Eitempera ein, mit der sie selbst arbeitet. 08. - 13.10.2018 (6 Tage).

Johannes Ziegler ist einer unserer neuen Dozenten im Jahr 2018. Der in Salzburg lebende Künstler bietet ein intensives Wochenende an, dass sich ganz der Kunst widmet; Experimente sind erlaubt!  "Malerei" 05.10.2018 - So. 07.10.2018 (3 Tage)