19.05.2018

PRESSEMITTEILUNG_[IM]MATERIELL. Über das Geistige im Stofflichen


PRESSEMITTEILUNG_[IM]MATERIELL. Über das Geistige im Stofflichen

Thomas Demand, Gehard Demetz, Jan Kath, Alice Musiol, Paloma Varga Weisz

Ausstellung in der Galerie im Alten Feuerhaus

3. Mai – 3. Juni 2018

 

VERNISSAGE: 2. Mai 2018, 19 Uhr

 

 

Spätestens seit Beginn der digitalen Revolution bewegen wir uns in einer Welt, die im Alltag, so wie in Arbeit, Wissenschaft und Wirtschaft, in der Kultur und nicht zuletzt in den Künsten Idee und Konzept, Prozess und Form auf die gleiche Basis stellt: Daten und Algorithmen. Somit lösen sich Ausgangsmaterial und Endergebnis voneinander, ebenso wie visuelle Idee und Oberfläche. Zugleich definiert die Digitalisierung den Prozess der Distanzierung zwischen Erfahrung, Erlebnis und das Verhältnis zwischen medialer und physisch-analoger Erfahrung und Begegnung mit der Welt neu.

 

 

„[IM]MATERIELL. Über das Geistige im Stofflichen“ thematisiert die Bedeutung der Materialität für den künstlerischen Prozess und die damit einhergehende Bindung künstlerischer Ausdrucksformen. Diese Fokussierung auf das Material ist ein wesentlicher Gegensatz zur Digitalisierung. Materialität bildet einen Resonanzraum für die künstlerischen Ideen. Exemplarisch zeigen wir in Anlehnung an die Bedeutung spezifischer Materialien im Alpenraum und im Speziellen auch in Bad Reichenhall Werke aus Salz, Holz, Keramik und Textil.

 

In der Ausstellung in der Galerie im Alten Feuerhaus präsentieren en wir das Potential des Analogen.  Thomas Demand (*1966 in München, Deutschland) gehört zu einer Generation von Künstlern, die der Fotografie als künstlerische Ausdrucksform weltweit eine besondere Aufmerksamkeit in Museen verschafft haben. Gleichwohl sind seine Fotoarbeiten Aufnahmen von Papiermodellen, die Orte wichtiger politischer oder kultureller Ereignisse zeigen. Seine doppelte Wendung von Bildern durch die Distanzierung und Reduktion auf das Wesentliche im Papiermodell und die danach vorgenommene Fotografie ist ein Prozess der Vergegenwärtigung des Bildgedächtnisses. Und zugleich ist es die Hinterfragung der Produktion von Bildern. Demand baut in aufwendigen Prozessen das Motiv mit Papier nach und reduziert das Bild auf seine wesentlichen Formen. Nach Erstellung des Fotos wird das Modell zerstört. Bild und Abbild, Original und Kopie werden so in einem formalen wie produktiven Prozess hinterfragt. Wir präsentieren in der Ausstellung frühe Stillleben, ebenso wie die ikonenhaften Goldbarren,  die das mediale Bild des in der Schweiz vermuteten Goldschatzes der Nationalsozialisten zeigen. Nicht weniger bedeutend ist für ein Kind der westlichen BRD das Bild des Rednerpultes des deutschen Bundestages, das wir in der Ausstellung vorstellen. Es ist Ausdruck eines demokratischen Staates, der sich an bestimmten Orten manifestiert und seine Wirkung entfaltet. Insofern bildet das Modell des Bundestages von Thomas Demand Vorstellung, Programm und Idee ab.

 

Thomas Demand, lebt und arbeitet in Berlin und Los Angeles. Er studierte an der Kunstakademie Düsseldorf sowie am Goldsmiths College in London. Neben Beteiligungen an zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen wurde sein Werk seit Mitte der 90er Jahre in einer Reihe von Einzelausstellungen vorgestellt, so zum Beispiel im Los Angeles County Museum of Art, im Museum of Contemporary Art (Tokyo), in der Neuen Nationalgalerie (Berlin), in der Hamburger Kunsthalle, in der Serpentine Gallery (London), im Kunsthaus Bregenz und im Museum of Modern Art (New York). Seine Arbeiten sind in zahlreichen Museen und Sammlungen vertreten, darunter das Metropolitan Museum of Art (New York), das Guggenheim Museum (New York), das Museum of Modern Art (New York), das Hirshhorn Museum and Sculpture Garden (Washington), die National Gallery of Art (Washington), das Centre Pompidou (Paris), die Tate Modern (London), das Schaulager (Basel) und die Fondazione Prada (Mailand), wo seit diesem Jahr seine Installation ‚Processo Grottesco‘ dauerhaft zugänglich ist.

 

Mit den Keramiken der international renommierten Künstlerin Paloma Varga Weisz (*1966 in Mannheim, Deutschland)  präsentieren wir die Verbindung zwischen materialer Präsenz und mythologischer Prägnanz wie sie vielleicht vergleichbar noch beim aktuellen Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro erfahrbar ist. Keramik ist seit ca. 30 000 Jahren bekannt und findet sich in vielen Regionen der Welt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Keramik in der Kunst wenig oder gar nicht verwendet und lediglich als Kunsthandwerk verstanden. Seit ca. 30 Jahren finden sich wieder zahlreiche jüngere Künstler*innen, die Keramik als wichtiges Ausdrucksmittel ihrer Kunst verwenden. Dazu zählen Greyson Perry, der 2003 den berühmten Turner Preis, die wichtigste britische Auszeichnung für Kunst, erhielt ebenso wie der bedeutende deutsche Bildhauer Thomas Schütte. Nicht zuletzt zählt Paloma Varga Weisz zu den profiliertesten Künstlerinnen der Gegenwart, die Keramik als eine Basis ihrer künstlerischen Arbeit entdeckt hat. Ihre Skulpturen eröffnen ein Feld mythischer Figuren, die verstörend wirken und in ihrer Rätselhaftigkeit dennoch unser tiefstes Inneres berühren. Wir zeigen in Bad Reichenhall drei Werke, deren Präsenz sich der Intensität der künstlerischen Umsetzung, der Fähigkeit der Künstlerin Ausdruck und Maskenhaftigkeit zu einer emphatischen Symphonie zu komponieren und wesentlich ihrer Kenntnis des skulpturalen Erbes Europas. Jede einzelne Figur öffnet in uns ein Feld tief liegender Emotionen und zeigt im selben Maße höchste handwerkliche Fertigkeit.

 

Paloma Varga Weisz studierte Holzschnitzerei in Garmisch-Partenkirchen und danach an der Kunstakademie Düsseldorf. Sie hatte zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, u.a. Thomas Schütte Foundation, Museum of Modern Art, New York und in der Hayward Gallery London.

 

Der dritte Werkstoff nach Papier und Keramik ist das Holz. Holz bildet im Berchtesgadener Land seit altersher einen wichtigen Rohstoff. Sowohl für die Gewinnung des Salzes als auch für die Herstellung kultureller Artefakte. So finden wir im Stadtarchiv einen hölzernen Phallus aus der Bronzezeit um 1600 – 1200 v. Chr. Für den Südtiroler Bildhauer Gehard Demetz (*1972 in Bozen, Italien) ist sowohl das Holz wie auch die traditionelle Schnitzkunst – ein Handwerk, das im gesamten Alpenraum eine wichtige Rolle einnimmt – die Basis seiner künstlerischen Arbeit. In seinen Skulpturen finden sich soziale, gesellschaftliche und kulturelle Konfliktlinien, die die Brüchigkeit der Verhältnisse wie der Traditionen auch in seiner Formensprache und der Oberflächenbeschaffenheit  des Holzes erfahrbar machen. Seine Plastiken bestechen durch die Addition von Holzblöcken und bilden somit einen anderen Produktionsprozess als in der klassischen Holzskulptur ab. In seinen Skulpturen scheinen vielfältige Dispute des Menschen und seiner Position in der Gesellschaft stattzufinden und Demetz Arbeitsweise und seien formaler Ansatz der durchlässigen und aufgebrochenen Skulptur zeigen diese Widersprüche und Konfliktlinien in einzigartiger Weise. Die in höchster Präzision und Feinheit gearbeiteten Gesichert seiner Figuren stehen in größtmöglichem Kontrast zu den groben und durchlöcherten Körpern, den Verletzungen, die er dem Material und der Figur beibringt.

 

Gehard Demetz lebt nach wie vor im Grödner Tal und hatte Ausstellungen in der Villa Wessel, im Kunstverein Münsterland, dem Kunstverein Recklinghausen und Galerien wie Jack Shainman Gallery in New York, Beck & Eggeling, Düsseldorf oder Galeria Rubin in Mailand.

 

Nicht weniger bedeutend im Bereich des Designs ist Jan Kath. Weltweit als Teppichdesigner gefeiert, freuen wir uns ihn in Bad Reichenhall, das erste Mal im künstlerischen Kontext zu präsentieren. Sein Verständnis des Teppichs als Bild geht zurück auf Traditionen aus Persien ebenso wie auf die berühmten tausend Blumen Teppiche der Bourbonen. Wir zeigen jedoch die geistige Energie eines zeitgenössischen bildenden Künstlers, dessen Teppiche die Bildwelt des Internets und der Fotografie auf eine neue materielle Ebene hebt. Jan Kath stammt aus einer Bochumer Orientteppichhändler-Familie und hat sich sehr früh auch dieser Aufgabe verschreiben. Allerdings wandelt Jan Kath den Teppich zum Bild und es gelingt ihm, urban art und die Bildtradition der Fresken in den italienischen Kirchen in einer neuen Materialität wieder jene Aura und Aufmerksamkeit zu verschaffen, die ihnen gebührt.

 

Jan Kath, weltweit für seine Entwürfe gefeiert und Ausstatter der bedeutendsten Hotels oder der Flagship Stores der Gruppe LVHM, zeigen wir als Indiz für die kreative Kraft, die in allen denkbaren Materialien ihren Weg finden kann.

 

 

Zu guter Letzt präsentieren wir die Kölner Künstlerin Alice Musiol (*1971 in Kattowitz, Polen). Wir haben Sie eingeladen ein neues Werk für diese Ausstellung zu realisieren. Sie beschäftigt sich mit Salz – dem Ursprung der Stadt Bad Reichenhall. Die Installationen der im vergangenen Jahr mit einem Aufenthalt in der Casa Baldi in Rom geehrten Künstlerin beschäftigen sich häufig mit Lebensmitteln und damit mit Fragen des Häuslichen. Wesentlich ist in all ihren Werken die Frage der Identität. Aus diesem Grunde arbeitet sie häufig mit dem Fingerabdruck als Maltechnik. Unverwechselbar und Ausdruck des Individuums, gleichzeitig in den von uns gezeigen Monotypien Ausdruck der Markierung und des Stempel Aufdrückens der individuellen Person.

Sie ist sehr früh von Polen nach Deutschland umgesiedelt. Der Verlust der vertrauten Heimat und die daraus resultierende Frage nach der eigenen Herkunft, der Brüchigkeit familiärer wie auch ortsspezifischer Gegebenheiten, der Verlust des Heims sind die zentrale Antriebskraft der Werke von Alice Musiol. Hierfür verwendet sie in ihren Werken Materialien, die quasi mobil sind, jederzeit einfach mitzunehmen bzw. abzubauen wie Salzstangen, Knäckebrot oder Toastbrot. Vielfach auch Stoffe, die sie aufwendig bestickt und so auch die Tradition der häuslichen Techniken von Frauen in ländlichen Regionen aufgreift, wenngleich sie diese mit zeitgenössischer Bildsprache verknüpft.

Alice Musiol realisiert für die Kunstakademie Bad Reichenhall in der Galerie im Alten Rathaus eine Installation mit Salz. Hierbei sind zum einen die historischen Gegebenheiten eines Ortes wie auch spezifisch die Gegebenheiten im Ausstellungsraum Basis der jeweiligen Installation.

Gleichzeitig gelingt es Alice Musiol in Ihrer Installation Anknüpfungspunkte an größere Zusammenhänge. Salz ist als Material in vielfältigster Form im Universum wesentlich und so schafft Sie in Verbindung zwischen Monotypien und dem auf einem Holzpodest schwebenden Salzkreis eine ergänzenden Anmutung kosmischer Dimensionen.

 

Alice Musiol hat in Maastricht und an der Kunstakademie Düsseldorf studiert und wurde mit Ihren Werken in Ausstellungen u.a. in der Deutschen Akademie in Rom, dem Sprengel Museum Hannover, der Städtischen Galerie Remscheid sowie dem Wilhelm Hack Museum in Ludwigshafen gezeigt.

 

 

 

Pressekontakt:

Stefan Wimmer

Direktor Kunstakademie Bad Reichenhall

Tel. +49 (0)8651 3713

wimmer@kunstakademie-reichenhall.de

www.kunstakademie-reichenhall-2018.com